Vintage Mannequins

Vor etwa 25 Jahren sprach mich eine Kölner Antiquitäten-Händlerin erstmalig an, für sie eine Schaufensterpuppe der zwanziger Jahre zu restaurieren. Es blieb nicht bei dieser einen. Wie bei jeder neuen Aufgabe musste ich mich zunächst mit der neuen Materie auseinandersetzen. Oft kamen die „Mannequins“ in desolatem Zustand in mein Atelier: manchmal fast hoffnungslos zerbrochen, durch Feuchtigkeit aufgeworfen, gequollen und aufgeplatzt. Unterschiedliche Materialien und nicht zuletzt das zeittypische Make-up stellten für mich immer wieder neue und interessante Herausforderungen dar.

Jede einzelne Schaufensterpuppe, ob Büste, Kopf oder in ganzer Figur, erforderte als Mode-Repräsentant ihrer Zeit eine individuelle Bearbeitung. Es gehört ein hohes Maß an Erfahrung und historischen Kenntnissen dazu, herauszufinden, ob die farbige Fassung des ramponierten Stücks original ist oder zu einem späteren Zeitpunkt verändert wurde. Zunächst einmal mussten die Zerstörungen beseitigt werden, indem be- und gefestigt, geklebt, zusammengefügt, Unebenheiten ausgefugt, fehlende Teile nachmodelliert, geschmirgelt und geglättet werden. Der schwierigste Teil der Restauration ist dabei das Gesicht. Denn hier wird mit Farbe gearbeitet, werden, jeweils zeitbedingt, Konturen hervorgehoben, kaschiert, werden Münder zu Schmollmündern oder Herzchen geformt, werden Brauen wie kühne Bögen konstruiert und Augen optisch hervorgehoben. Ich habe Figuren von 1900 bis 1960 restauriert, einmal sogar eine Büste aus Wachs, mit echten Haaren und Glasaugen aus der Zeit um die Jahrhundertwende.

Für Kleidermode bedurfte es lebensgroßer Figuren. Juweliere, Hutmacher und Friseure benötigten in der Regel Büsten. Weil Kleider und Dessous, Schmuck, Hüte, Frisuren und Make-up der Mode unterworfen waren, verloren auch die Figuren und Büsten in regelmäßigen Abständen ihre Bedeutung und wurden ausrangiert. Typ, Figur, Make-up und Frisuren passten nicht mehr zum neuesten Modetrend und aktuellen Schönheitsideal und wurden immer wieder von den allerneuesten Schaufenstermodellen verdrängt. Nur sehr wenige Mannequins überlebten, die dann 50 bis 60 Jahre später auf Dachböden, in Kellern oder Abstellkammern in Spanien, Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland entdeckt wurden. Die lange Zeit der Verbannung hatte ihre Spuren hinterlassen. Oft ziemlich verrottet und in jämmerlichem Zustand fanden sie dann den Weg in mein Atelier.

Der französische Begriff „Mannequin“ bezeichnet einen simplen Kleiderständer in Form einer Schneiderbüste. Er ist abgeleitet vom niederländischen „maneken“, was soviel wie Menschlein oder Männchen bedeutet. Unter „Mannequin“ verstehen wir heute – parallel zum englischen Model – eine professionelle Kleidervorführerin.

Reguläre Schaufensterpuppen traten erst in Erscheinung, als sich die Mode in der Gründerzeit zu einem florierenden Industriezweig zu entwickeln begann und in den Metropolen die großen Kaufhäuser gegründet wurden. Emile Zola berichtet von über 500 Kaufhäusern im Jahre 1860 und von großen Vitrinen auf gleicher Höhe mit dem Bürgersteig. Die Etablierung der ersten Couturiers flankierte rasche Fortschritte in der Konfektionsindustrie.Die Zuschneidetechnik der brkleidung wurde in Deutschland erfunden, – eine deutsche bzw. Berliner Spezialität! Sie erschlossen das gehobene und das einfache Bürgertum als Käuferschichten und brachten es mit sich, dass die Mode gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige wurde mit einem Wachstumspotential, von dem viele Industrien heute nur träumen können.

Ende des 19. Jahrhunderts setzte die industrielle Massenproduktion in ganz Europa ein. In Paris, Brüssel, Berlin, Rom und London etablierten sich Werkstätten mit bis zu 300 Zuschneiderinnen, Näherinnen, Perückenmachern, Holzschnitzern, Malern und Lackierern. Werkstätten wie z. B. „Pierre Imans“, „Siégel-Paris“, „Création Novita Bruxelles“, „Figuren Kralik“ aus Dresden, „Werbeplastik Ludwig Klasing Bremen“ oder „Figuren Moch“ aus Köln, stellten die Figuren in früheren Zeiten aus Wachs, Pappmaché und einer Mischung aus Kreide und Knochenleim her. Die Gesichter hatten manchmal realistische Glasaugen, echte Augenwimpern und Haare, die man wie bei einer aufwändigen Perückenherstellung einzeln in die Kopfhaut (erst aus Wachs und später aus Gips und Gelatine) implantierte. In einem Fall hatte man Augenwimpern aus feinen Kupferdrähtchen geformt. Die Puppen erhielten Gesichtszüge der unterschiedlichsten Charaktere, darunter die lieblich Ergebene, die selbstbewusst Starke oder hochnäsig Arrogante.

Manche Modelle erinnern an Figuren von Amedeo Modigliani oder Oskar Schlemmer. Ab 1950 wurde viel mit neuen Materialien experimentiert. Schließlich wurde das Mannequin aus Plastik geboren und setzte sich aufgrund seiner Leichtigkeit und Formbarkeit durch.

Der holländische Mannequinist Pierre Imans zählt zu den berühmtesten Herstellern der 1. Hälfte des letzten Jahrhunderts und ist der einzige, der seine Modelle signierte. Er arbeitete auch jahrzehntelang für die Werkstatt „Siégel-Paris“. Seine Gesichter sind Kunstwerke, wunderschön: lebensecht-naturalistisch, aber auch stilisiert, unnahbar, androgyn.

Der Clou der Weltausstellung 1900 in Paris war eine von ihm erschaffene anatomisch getreue Wachsbüste. Imans ging auf den Japonismus der Zwanziger als kurzen Modetrend der Zeit ein. Seine Figuren fielen auf durch elegante, subtile Silhouetten und lange, feingliedrige Hände. Er war bekannt dafür, berühmte Persönlichkeiten aus Politik, Theater und Film als Figuren zu kopieren, die dann in den Schaufenstern als weibliche und männliche Mannequins die neuesten Kreationen vorführten und die Modewelt belebten.

In New York schuf Lester Gaba eine Serie von Puppen nach berühmten Stars oder Film-Idolen der Zeit, beispielsweise Greta Garbo, Marlene Dietrich, Brigitte Helm oder Clark Gable. Anscheinend waren die 30er, nach den „roaring twenties“, eine Zeit, in der man mit Andacht und Hingabe seinen Wunschträumen verfallen konnte. Lester Gaba verliebte sich in eine seiner Schöpfungen, die er Cynthia nannte, und erschien fortan in der Öffentlichkeit, in Oper und Klubs in deren Begleitung. Anita Berber (1899-1928), die revolutionäre Tänzerin der 20er Jahre, tanzte in Berlin nach einer eigenen Choreographie, in der eine Puppe aus ihrer Erstarrung erwacht, lebendig wird und tanzt.

In Deutschland entstanden die ersten Figurenfirmen kurz vor 1900 in Berlin. Entstehungsorte der Figuren waren nicht etwa etablierte Firmen, sondern ausschließlich die Werkstätten und Ateliers von Tüftlern und Künstlern. Jede Figur wurde individuell gefertigt und trug die persönliche Handschrift ihres Schöpfers. Den Höhepunkt ihres Ansehens feierte die Branche jedoch erst in den 20er und 30er Jahren. Besonders in den Jahren nach dem entsetzlichen 1. Weltkrieg wurde die Mode zu einem rauschenden Fest der Kreativen, auf dem Künstler, Filmstars, Tänzerinnen und Werbeleute, aber vor allem natürlich die endlich vom Korsett befreiten, selbstbewusst gewordenen Frauen miteinander tanzten. Die Puppen in den Schaufenstern feierten ihren großen Auftritt. Der Direktor des Kaufhauses Lafayette ließ die Künstler des Puppenherstellers Fred Stockman nicht mehr nur nach lebenden Modellen, sondern auch nach Zeichnungen der modernen Künstler entwerfen. Als sich 1925 die Mode und andere Luxusbranchen zusammen mit den modernen Industrien und namhaften Künstlern auf der Pariser EXPO selbst feierten, sprach das Modejournal VOGUE sogar von der „L’art du mannequin“, von der Kunst der Schaufensterpuppe. Nie wieder ist die Modeindustrie – das gilt für Paris wie für Berlin – so eng mit dem kulturellen Leben verquickt gewesen wie damals.

Erwähnenswert ist, dass Emile Aillaud, Architekt des Haute-Couture-Pavillons auf der Pariser Weltausstellung, dem jungen Bildhauer Robert Couturier 1925 den Auftrag gab, Mannequins zu entwerfen. Das Resultat war zunächst skandalös. Die Köpfe waren nahezu gesichtslos. Die enthusiastische Weiblichkeit aber applaudierte: „Das gefällt uns, denn jeder von uns kann sich dort platzieren!“

Die Schaufensterpuppe, das Mannequin als Motiv der Fotografie, ist für viele Surrealisten ein zentrales Thema in der Kunst von André Breton, Max Ernst, Salvador Dali, Man Ray und Juan Miró gewesen. Für die Exposition Internationale du Surréalisme 1938 inszenierten die Surrealisten eine „Straße der Puppen“, die von ihren absurd-hybrid ausgestatteten Schaufensterpuppen bevölkert war. Der Surrealismus spielt mit der suggestiven Verführungskraft der Mannequins. Man Ray interessierte sich für die fotografische Gegenüberstellung von Puppen und Menschen. Für Edward Steichen, Cheffotograf der Zeitschrift VOGUE der 20er und 30er Jahre, sind die Modelle keine Schaufensterpuppen mehr, die Kleider tragen, sondern lebendige Charaktere. Das war revolutionär und nur von einem Fotografen zu erwarten, der ein Künstler war.

Ich war von jeder Schaufensterpuppe immer wieder neu begeistert und konnte mich nur sehr schwer von ihnen trennen, bestimmten sie doch über Wochen mein Leben und meinen Alltag. Durch die intensive Arbeit an ihnen bekamen sie eine Seele und einen charakteristischen Namen. Selbst in ihrer Ramponiertheit strahlten die Gesichter und Körper eine ganz spezifische Faszination aus. Zwischen Blumen, Sträuchern und Bäumen wurden sie von mir fotografisch festgehalten. Mit der Zeit entstand eine vielfältige Dokumentation ihres Werdegangs. Die meisten von ihnen verschwanden anschließend in privaten Sammlungen.

Die Schaufensterpuppe der 1. Hälfte des letzten Jahrh., ist in der Tat ein Kulturgut, das mehr und mehr von der Bildfläche verschwindet. Literatur und Fotos sind eine Rarität. Ich bin erstaunt, wie unbekannt die Schaufensterpuppe als Zeit- und Sittenbild ist, auch erfreut, wie begeistert ganz besonders auch die Männer waren, die bei meinen Fotoausstellungen schmunzelnd vor ihrem ästhetischen Idealbild oder voller Ablehnung der einen oder anderen Schönheit gegenüberstanden: Frauen von vornehmer Eleganz, unnahbarer Damenhaftigkeit, frecher, selbstbewusster Arroganz oder aber braver Biederkeit. Jedenfalls gibt das Thema immer wieder Anlass zur Diskussion über die verschiedenen Frauen- und Männertypen der damaligen und heutigen Zeit.

170 der schönsten LOST BEAUTIES habe ich in diesen drei Bänden zusammengestellt und sie somit vor dem gänzlichen Verschwinden und Vergessen bewahrt. Nur noch sehr selten findet eine Schöne den Weg in mein Atelier.

Helga Heubel
2003